Gunnar Merbach

Weg vom geregelten Urlaubsanspruch – Segen oder Fluch?

by Gunnar Merbach Montag, 16.08.2010, 17:34  

Gestern las ich bei Spiegel Online einen interessanten Artikel, in dem dargestellt wurde, dass Firmen beginnen, ihren Angestellten keine festen Urlaubskontingente mehr zuzuschreiben. Stattdessen kann Urlaub quasi grenzenlos genommen werden – sofern die Arbeit erledigt ist. Meine erste Reaktion war durchaus positiv, eine innovative Idee, die in die Zeit passt, fand ich. Nach längerem Nachdenken sehe ich das Ganze aber mittlerweile doch deutlich kritischer.

Denn unsere klaren Urlaubskontingente – seien es 24 oder 30 Tage im Jahr – bergen den großen Vorteil, dass Urlaub nicht nur genommen werden darf, sondern im Regelfall auch genommen werden muss (auch im Sinne des Arbeitgebers, den ein ausgebrannter Mitarbeiter teuer zu stehen kommt). Ein solcher Urlaub ist normalerweise länger im Voraus geplant und Kollegen, Partner und Familie haben sich darauf eingestellt.

Eine Regelung ohne feste Urlaubstage birgt für mich die unterschwellige Gefahr, dass am Ende deutlich weniger Urlaub genommen wird, als es eigentlich notwendig wäre (zum Abschluss des Artikels wird diese Gefahr kurz angesprochen). Denn: Arbeit ist im Regelfall immer mehr als genug da, so gesehen ist Urlaub generell selten wirklich „passend“. Vermutlich möchte ein Mitarbeiter seine Arbeit auch nur ungern Kollegen, sprich den Urlaubsvertretern, aufbürden. Denn eine Vertretung würde ja bedeuten, dass die Arbeit eben noch nicht abgeschlossen ist (wie sollte sie auch, wenn es sich nicht um Projekte sondern z.B. um operative Arbeiten oder Programme handelt; und ganz unmöglich wird es ja beispielsweise im Schichtdienst, in dem oftmals eine stetige Arbeitsbelastung herrscht).  Auch Mitarbeiter, die an Karriere interessiert sind, werden sich oftmals fragen, ob sie sich einen Urlaub nun wirklich leisten können, oder ob das nicht dem Konkurrenten um den freiwerdenden Chefsessel in die Karten spielt.

Sicher, konsequent umgesetzt könnte ein solches Vorgehen gerade die Leistungsträger belohnen, die ihre Arbeit deutlich schneller erledigt haben als Kollegen, die sich eher Zeit lassen. Realistisch gesehen wird das aber eher die Ausnahme sein. Zumindest derzeit halte ich daher die Urlaubskontingente, wie wir sie derzeit haben, für passender, zumindest für deutsche Verhältnisse.

Was aber meinen Sie?

Und die Diskussionen der Spiegel Online leser können Sie hier verfolgen.

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Kommentare

3 Kommentare zu “Weg vom geregelten Urlaubsanspruch – Segen oder Fluch?”

  1. Stephanie Höse on 18. August 2010 15:06

    Ich kann mich der Meinung nur anschließen und sehe das recht kritisch. Immerhin ist es auch in der Verantwortung des Arbeitgebers für das Wohl seiner Mitarbeiter zu sorgen und dazu gehört meiner Meinung auch, dass Urlaub genommen werden muss. Die Praxis zeigt doch, dass es für viele Arbeitnehmer schon schwer genug ist Überstunden abzubauen, wie soll es da funktionieren das auch Urlaub flexibel genommen werden kann.

  2. Susan Kindler on 19. August 2010 16:47

    Was soll man dazu noch sagen? Das kann eigentlich nur die krude Idee eines findigen Arbeitgebers sein, der durch Erhöhung des Konkurrenzdrucks unter den Mitarbeitern seine Wertschöpfung optimieren will (Darwin lässt grüßen). Burnouts und andere krankheitsbedingte Totalausfälle sind dabei vorprogrammiert und gehen dann letztlich doch wieder zu Lasten des Arbeitgebers. Ist aus meiner Sicht sehr kurz gedacht. Und wer sich als Bewerber bei der Einstellung darauf einlässt, ist selber Schuld.

  3. Sophie Müller on 19. August 2010 21:51

    Ich denke, die genannten Risiken sind heute schon existent – wieviele Arbeitnehmer nehmen Urlaubstage mit ins neue Jahr? Lassen sich “Resturlaub” auszahlen? Wieviele Urlaubstage verfallen, da sie nicht genommen werden? Wo bleibt da die Verantwortung des Arbeitgebers, die Mitarbeiter tatsächlich in den notwendigen Erholungsurlaub zu schicken? Ich denke, da macht es keinen Unterschied, ob man die Urlaubstage im System zählt oder nicht.

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