Sophie Müller

Web 2.0 funktioniert nicht bei der Arbeitgeberwahl

by Sophie Müller Donnerstag, 08.10.2009, 14:30  

Twitter, Blogs, soziale Netzwerke, Videokonferenzen – Interaktion! All das ermöglicht Web 2.0.  Wirklich spannend, Internet macht richtig Spaß.

Aber hilft Web 2.0 tatsächlich bei der Arbeitgeberwahl? Werden die richtigen Zielgruppen angesprochen? Wird die Kommunikation über das Web 2.0 als glaubwürdig erachtet?

Betrachten wir doch einmal den Arbeitskräftenachwuchs und die Personaler in den Unternehmen mit ihren Erwartungen, Verhalten bei der Jobsuche und ihrer Art der Kommunikation.

Nach einer Studie von Ernst & Young legt der Akademikernachwuchs heute nach wie vor besonders großen Wert auf einen sicheren Arbeitsplatz, gefolgt von einer selbständigen, eigenverantwortlichen Arbeit und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wollen Unternehmen die Absolventen für sich gewinnen, müssen sie neben der Jobsicherheit ein angenehmes Unternehmensklima (Kollegialität, Führungsstil) und eine Kultur, die zudem von Respekt und Vertrauen gekennzeichnet ist, anbieten. Auch Faktoren wie Weiterbildungsmöglichkeiten und flache Hierarchien werden von den Studenten oft genannt. Bezüglich des Standorts sind Studierende eher unflexibel: Die meisten wünschen sich einen Job in der Nähe des Partners, und bevorzugen dabei Standorte, die weniger als 50 km entfernt sind.

Nicht zuletzt spielt das Arbeitgeberimage bei der Jobwahl eine wesentliche Rolle. Diese Ergebnisse decken sich auch mit den von der von Kienbaum im Jahre 2008 durchgeführten Studentenstudie.

Bezüglich des Auftretens des Arbeitgebers erwarten Studenten, über verschiedene Medien angesprochen zu werden, umfassende, sachliche Informationen zum Unternehmen zu erhalten, eine einheitliche Kommunikation und konkrete Ansprechpartner im Unternehmen. Studenten wünschen sich Fakten, die leicht zu finden und übersichtlich gestaltet sind. Das Unternehmen muss insgesamt ein positives Bild in allen Medien vermitteln, dabei spielen auch die aktuellen Mitarbeiter als Imageträger eine wesentliche Rolle. Auch die DEBA-Studie stützt diese Erkenntnisse. Nur ein glaubwürdiger Arbeitgeber ist auch ein attraktiver Arbeitgeber.

Bei der Jobsuche nutzen die Absolventen vor allem das Internet, Zeitungen und Fachzeitschriften, gefolgt von Jobmessen. Im Internet sind die Homepage des Unternehmens, Jobbörsen und Stellenanzeigen weit vorn. Hinsichtlich der Kommunikationsart bevorzugen die Studenten den persönlichen Kontakt zu Unternehmensvertretern, interessante Anzeigen, aber legen ebenso großen Wert auf eigene Erfahrungen und nutzen Praktika und Abschlussarbeiten mit Perspektive einer Festanstellung, um das Unternehmen/ ihren zukünftigen Arbeitgeber besser kennenzulernen.

Diese Art der Jobsuche der Absolventen deckt sich bis jetzt weitgehend mit der Fachkräftesuche durch die Arbeitgeber.

Die meisten Personaler haben erkannt, dass das Thema Employer Branding einen hohen Stellenwert haben muss, um auch zukünftig im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen zu können, kommunizieren deswegen stärker ihre Arbeitgebermarke mit Leistungsversprechen und schalten Imageanzeigen. Die Auswahl der eingesetzten Instrumente ist allerdings alles andere als Web 2.0, wie die HR Trendstudie zeigt:

Um „Employer of choice“ zu werden, nutzen Unternehmen laut der Trendstudie vor allem alt bewährte Instrumente wie Stellenanzeigen, Hochschulmarketing, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie zielgruppenspezifische Veranstaltungen. Erst auf den hinteren Plätzen nennen die Unternehmen moderne Instrumente wie Karriereportale und Alumni-Netzwerke.

Obwohl laut der Forrester Trendstudie das Web 2.0 an Bedeutung gewinnt, um gerade die jüngeren Arbeitskräfte zu erreichen, können heutige Personalentscheider mit dieser Entwicklung noch nicht umgehen und haben Berührungsängste. Das Web 2.0 ist aufgrund der Interaktivität durch die Personalverantwortlichen kaum kontrollierbar, weshalb soziale Netzwerke und Arbeitgeberbewertungsportale von vielen Personalverantwortlichen noch misstrauisch betrachtet werden. Es besteht die Angst, dass die größere Offenheit sich eventuell nicht mit dem vom Unternehmen aktiv kommunizierten Arbeitgeber-/ Selbstbild deckt.

Doch selbst wenn Unternehmen beginnen, das Web 2.0 für Rekrutierungsmaßnahmen zu nutzen, erreichen sie damit heute noch wenig Glaubwürdigkeit bei den Absolventen.

Denn das Web 2.0 bietet Instrumente, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Bei einer Jobwahl zählen, wie oben schon angesprochen, nach wie vor Informationen, die auf rationalen Kriterien beruhen. Hier ziehen die deutschen Bundesbürger nach wie vor die klassischen Medien klar vor, weil sie von ihnen eine höhere Glaubwürdigkeit erwarten.

Betrachten wir das Beispiel Twitter:

Es gibt einige wenige Unternehmen, die schon Jobangebote über Twitter posten. Doch ist das erfolgversprechend?

Im Juni waren 125.000 deutschsprachige Accounts bei Twitter registriert. Darunter sind allerdings auch Accounts, die noch nie einen Eintrag getätigt haben. Interessant dabei ist, dass 10% aller deutschen Accounts 61% aller Tweets produzieren. Das bedeutet, dass eine Vielzahl an Accounts passiv oder ganz wenig aktiv ist. Die wenigsten Studenten nutzen Twitter, und schon gar nicht zur Jobsuche. Von den wenigen Nutzern posten die meisten Links aus dem Internet oder tauschen sich mit Freunden über Veranstaltungen aus. Unter Personalern und Menschen, die in ähnlichen Bereichen arbeiten, findet vermehrt eine fachliche Diskussion statt, fachübergreifend gibt es recht wenig Austausch.

Bei der Jobsuche ist Twitter somit höchst ungeeignet. Die Streuung ist zu groß, die Zielgruppe wird nicht direkt angesprochen, die Nachrichten kommen nicht bei den richtigen Leuten an, wenn nicht direkt eine Empfehlung ausgesprochen wird.

Es gibt einige wenige Ausnahmen, wo die Jobsuche über Twitter funktioniert hat. Darüber berichtete die Zeit online.

Doch das ist längst nicht an der Tagesordnung, sondern stark branchenabhängig. Klar müssen PR- Online- und Medienagenturen Twitter testen, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben, und natürlich gibt es aus der Vielzahl an Beispielen auch eines, wo tatsächlich eine Jobsuche erfolgreich abgeschlossen wurde. Fakt ist aber, dass Twitter bei immerhin einem Drittel der deutschen Bevölkerung völlig unbekannt ist.

Mein Fazit:

Der Dialog mit den Fachkräften wird zunehmend wichtiger, doch dies bieten nicht nur Netzwerke oder Portale. Persönliche Gespräche, Führungen durch das Unternehmen, Kennenlernen der Kollegen – da gibt es im Web 2.0 erste Ansätze, doch das direkte Erlebnis würden viele dem “gebastelten Video” vorziehen, da die Vermutung auftaucht, dass vieles einstudiert wurde und gestellt ist. Das Vertrauen in Aussagen über Instrumente des Web 2.0 ist gering, und es wird letztendlich doch auf Fakten, die in Stellenanzeigen, Broschüren oder der Homepage kommuniziert werden und eigene Erfahrungen zurückgegriffen.

Es ist dennoch erkennbar, dass das Web 2.0 bereits in den Köpfen der jungen Generation verankert ist. Soziale Netzwerke erfreuen sich höchster Beliebtheit, doch bleibt der Austausch darüber meist privat. Nur wenige nutzen die Netzwerke tatsächlich zum Austausch mit Unternehmensvertretern.

Web 2.0 dient heute vor allem der Aufmerksamkeitsgewinnung, ist aber für die endgültige Entscheidung der Arbeitgeberwahl nicht maßgeblich.

Ich bin gespannt, wohin der Trend geht!

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Kommentare

2 Kommentare zu “Web 2.0 funktioniert nicht bei der Arbeitgeberwahl”

  1. Sven T. on 9. Oktober 2009 08:51

    Ich seh das ganz genauso. Onlinebewerbung per email, ja, aber um ein persönliches Vostellungsgespräch kommt man einfach nicht drumherum. Es entscheiden Körpersprache, Mimik und letztlich auch der Geruch eines Menschen ob man sich sympatisch ist oder nicht. Gerade in kleinen Unternehmen (wo ich auch angestellt bin, 6 Mitarbeiter) ist dies von immenser Bedeutung.
    Web 2.0, privat finde ich es ganz toll, für Job und Karriere gibt es bei mir keinerlei Möglichkeiten es zu nutzen.
    Und über Webcam etc. kann ich mir wirklich kein Vorstellungsgespräch vorstellen

  2. Patrick E. on 9. Oktober 2009 11:36

    Ich bin auch gespannt, wo der Weg hin geht – aktuell bin ich ziemlich überzeugt, dass das “soziale”, interaktive WWW den Themenkomplex Employer Branding nachhaltig verändern wird.

    Betrachten wir zum Beispiel die Kommunikation zwischen Bewerber und Arbeitgeber, die zur Entscheidung der Arbeitgeberattraktivität beiträgt und von Unternehmen beeinflusst werden kann.

    Traditionell ist diese Kommunikation erstens einseitig und zweitens als ungenügend zu bezeichnen:
    Angenommen ein Bewerber informiert sich über Internetseiten und Stellenausschreibungen. Die Internetseite des Unternehmens gibt ihm keine objekte Information, sondern ein verschönertes Bild – der kluge Bewerber muss dies so Einschätzen, selbst wenn es anders sein sollte. Er muss im Arbeitgeber einen faulen Apfel (bzw. saure Zitrone) vermuten, sonst würde er töricht handeln.

    Die Stellenausschreibung beschreibt den tatsächlichen Job nur ungenügend und zwar weil es schlichtweg nicht anders möglich ist: Arbeitsverträge zählen zu den unvollständigsten Verträgen.

    Wir müssen uns also bewusst sein, dass wir aufgrund der gesunden Skepsis des Bewerbers durch noch so schöne Bilder, Texte und auch FAKTEN auf Internetseiten (bzw. Broschüren, was auch immer) oder in Stellenausschreibungen keinen Bewerber überzeugen werden können.

    Ich sehe das Web 2.0 als Chance, die Kommunikation neu zu gestalten. Denn Kommunikation ist umso vertrauenswürdiger und authentischer, desto eher sie zwischen zwei Personen stattfindet. In der Vergangenheit fand diese zweiseitige Kommunikation nicht statt, da die Hürden (Telefonanruf, E-Mail) als zu groß empfunden wurden. Im Web 2.0 werden diese Hürden abgeschwächt..

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